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Der kurzfristige Erdgashandel wird digital: Die Evolution des Gashandels

Pressespiegel: e|m|w

Screen Shot 2018-07-25 at 14.15.49Bislang wurde Gas stets manuell gehandelt und nur wenige Marktteilnehmer nutzten die Möglichkeit der Automatisierung ihrer kurzfristigen Handelsaktivitäten. Mit dem Aufschwung des algorithmischen Intraday-Stromhandels tritt nun auch die Commodity Gas in den Fokus innovativer Handelshäuser und Versorger. Algorithmen ermöglichen dabei die automatisierte Beobachtung von Märkten und exekutieren Handelsstrategien zuverlässig, sicher und schnell.

Das beachtliche Wachstum der Handelsvolumina in den Intraday-Märkten für Strom sowie den Spot-Märkten für Gas reflektiert den Bedarf des Marktes an kurzfristiger Flexibilität. Während im Strommarkt der manuelle Handel Schritt für Schritt den Algorithmen aufgrund hoher Komplexität, Volatilität und Geschwindigkeit weichen muss, sind aktuell in den kurzfristigen Gasmärkten vorwiegend Algorithmen zur Nutzung spezifischer Opportunitäten im Einsatz. Innovative Unternehmen befreien ihre Händler von Routineabläufen und schaffen so den notwendigen Fokus und Freiraum zur Umsetzung neuer Handelsstrategien. Im Bereich des Intraday-Stromhandels haben bereits einige Unternehmen die Transformation zum digitalen Kurzfristhandel erfolgreich abgeschlossen.

 

Beschleunigung des Erdgasmarkts

Der kurzfristige Gashandel unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom Intraday-Stromhandel (Tabelle 1). Stromprodukte sind einfach und besitzen klar definierte Lieferzeiten, wohingegen bei bestimmten Gasprodukten die Lieferperiode vom Zeitpunkt des Handelsgeschäfts abhängig sein kann und das gehandelte Volumen in den verbleibenden Stunden des aktuellen Handelstages geliefert wird. Die Anzahl der unterschiedlichen Produkte im Gashandel ist überschaubar, die Vorlaufzeiten sind länger und die Geschwindigkeit noch manuell handhabbar – wer nun denkt, dass der Gashandel einfacher zu bewerkstelligen ist, irrt gewaltig.

 

 

 

 

 

 

STROM

 

ERDGAS

 

 

Zeitdiskrete Produkte:
15 Minuten, 30 Minuten, stündlich

 

Die meisten Produkte hängen vom Zeitpunkt des Handels ab: Within Day, Day Ahead, WE, SA, SO

 

 

Extrem kurze Lieferzeiten:
Handel bis kurz vor Auslieferung möglich

 

Viel längere Vorlaufzeiten:
Handel nur bis drei Stunden vor Lieferung möglich

 

 

Einfache Marktgebietsstruktur:
Es gelten keine zusätzlichen Regeln

 

Komplexe Marktgebietsstruktur, z. B.NCG H-Gas, NCG VTP mit Kapazitätsbeschränkungen

 

 

API direkt von der Börse angeboten

 

Zusatzvertrag mit Handelssystem Trayport notwendig

 

 

Höhere Liquidität in den meisten Preiszonen:
Kontinuierliche Reaktion auf Orderbuch-Updates

 

Geringere Liquidität:
Schnelle Reaktion auf seltene Orderbuch-Updates

 

Tabelle 1: Die vielfältigen Unterschieden zwischen Strom- und Erdgashandel

 

Der Erdgasmarkt ist aufgrund der geographischen Distanz zwischen Produktion und Verbrauch von einer komplexen Struktur geprägt und grenzüberschreitende Geschäfte sind ein natürlicher Bestandteil des Marktes. Im Strommarkt hingegen werden für viele Märkte Kapazitäten für den Handel mittlerweile über das Intraday-System „XBID“ implizit zur Verfügung gestellt. In den letzten Jahrzehnten wurde mit verschiedensten Regularien versucht, die europäischen Gasmärkte zu harmonisieren. Ein Blick auf einzelne Handelspunkte und die zugehörige physikalische Abwicklung zeigt jedoch, wie uneinheitlich der Gasmarkt im Vergleich zu Strom funktioniert. Besonderheiten wie etwa Within-Day-Auktionen in Österreich, Kontrakte in MWh/Tag in Frankreich, verschiedene Gasqualitäten in Deutschland oder Abhängigkeiten zwischen physischem und virtuellem Handelspunkt sind nur einige der Spezialitäten, die es im algorithmischen Handel zu berücksichtigen gilt. Zudem nimmt im kurzfristigen Gashandel der OTC-Markt eine wichtige Rolle ein und muss daher von den Algorithmen unterstützt werden. Zu guter Letzt weist der Erdgasmarkt eine teilweise geringere Liquidität sowie deutlich geringere Volatilität als der Strommarkt auf.

 


Der Erfolg in der neuen Welt des Algo-Tradings ist vom Wissen des Traders abhängig, die neuen Währungen im Energiehandel sind Daten und Know-how.


 

Aus diesen Gründen ist der Erdgashandel ein noch weitgehend manueller Prozess, und es gab bisher kaum Bedarf an Automatisierung. Aufgrund der geringeren Volatilität müsste man annehmen, dass im Erdgashandel eine kurze Reaktionszeit nicht so wichtig ist. Aber gerade, weil die Preise am Erdgasmarkt meistens so stabil bleiben, ist es ein wesentlicher Vorteil, wenn man schnell auf die Schwankungen oder Arbitragemöglichkeiten reagieren kann. Auch im Gasmarkt können Änderungen in der Erzeugung, dem Transport oder bei der Nachfrage zu dramatischen, kurzfristigen Preisschwankungen führen. Diejenigen, die bei solchen Gelegenheiten am schnellsten reagieren, profitieren. Ein Gashändler könnte während einer Kaffeepause ein gutes Geschäft verpassen, um danach stunden- oder tagelang auf die nächste Opportunität zu warten.

In der heutigen digitalen Welt ist ein vollautomatisierter Algorithmus immer schneller als das manuelle Handeln. Außerdem handelt ein Algorithmus rund um die Uhr und kann daher alle Marktchancen nutzen, ohne dass hohe Personalkosten für die Nachtarbeit entstehen. Allerdings bedeutet die Automatisierung des Handels nicht, dass keine Trader mehr benötigt werden. Im Gegenteil: Erfahrene Trader sind heute gefragter denn je. Denn wer wird diese Systeme konzipieren? Ein Algorithmus ist maximal so intelligent, wie seine Schöpfer. Der Erfolg in der neuen Welt des Algo-Tradings ist vom Wissen des Traders abhängig, die neuen Währungen im Energiehandel sind Daten und Know-how.

 

Assets optimieren und auf das Unerwartete reagieren

Der automatisierte Erdgashandel berücksichtigt alle relevanten Faktoren von Speicher- und Transportkapazitäten sowie die aktuellen Marktgegebenheiten. Außerdem beachtet er externe Einflussfaktoren, wie etwa das Wetter, die den Verbrauch beeinflussen. Dadurch wird eine optimale Reaktion auf Änderungen der Marktbedingungen möglich. Die Vorteile sind für drei spezifische Anwendungsfälle klar:

Vermarktung von Speicherflexibilität: Freie Speicherkapazitäten können zur Generierung zusätzlicher Gewinne genutzt werden (Abb. 1) und die Rentabilität des Assets steigern. Je nach Portfoliosituation, technischen Restriktionen und aktuellem Speicherwert können Gewinne aus der Vermarktung des bereits vorhandenen Arbeitsgases oder auch kurzfristige Time-Spreads genutzt werden. Bei vorhandenen Grenzkapazitäten kann die Flexibilität auch in mehreren Märkten angeboten werden, wodurch die Komplexität der Handelsstrategie zunimmt.

 

autoTRADER: Vermarktung von Gasspeicher

Abb. 1: Der Within-Day Handelsverlauf in der Vermarktung von Gasspeicher-Flexibilität

 

Optimierung von Grenzkapazitäten: Die optimale Nutzung von freien Transportkapazitäten kann über Location-Spreads erfolgen: Gas wird im Markt mit dem niedrigeren Preis gekauft und in einem verbundenen Markt zu einem höheren Preis verkauft. Algorithmen sind für diese Aufgabe prädestiniert, da Arbitragemöglichkeiten rund um die Uhr beobachtet und vollautomatisiert exekutiert werden können. So lassen sich regionale Unterschiede in Angebot und Nachfrage optimal ausnutzen.

Schließen einer Position: Änderungen im Angebot oder in der Nachfrage sind zwei Beispiele, bei denen eine sofortige Reaktion notwendig ist. Ändert sich an einem Ort unerwartet das Wetter, könnte die Nachfrage die Prognose überschreiten. Gas müsste schnell in das betroffene Gebiet transportiert werden, um den tatsächlichen Bedarf abzudecken. Führt ein technisches Versagen dazu, dass die Produktion an einem Ort langsamer wird oder völlig stoppt, müsste Gas aus anderen Gebieten an den Ort des Bedarfs gebracht werden. Ein Algo-Trader schließt die offene Position immer zum besten Preis, auch wenn es kurzfristig erscheint.

 


Händler behalten die volle Kontrolle über die Handelsaktivitäten. Sie müssen dabei nicht ständig anwesend sein, um Trades manuell auszulösen.


 

Eine voll automatisierte Handelslösung verfügt über Algorithmen, welche die sich ändernden Marktbedingungen beobachten. Der Handel wird Tag und Nacht abgewickelt. Die Algorithmen können sofort auf günstige Preise und andere Faktoren reagieren. Basierend auf langjähriger Branchenerfahrung berücksichtigen diese Algorithmen die speziellen Einschränkungen und Anforderungen der Strom- und Gasmärkte. Händler können sich auf das Gesamtbild konzentrieren: Sie behalten den Überblick über ihre Portfolios. Sie können verschiedene Parameter und Limits anpassen, Strategien bewerten, auswählen und sogar bearbeiten, und dabei die volle Kontrolle über die Handelsaktivitäten behalten. Sie müssen dabei nicht ständig anwesend sein, um Trades manuell auszulösen. Diese Funktionen stellen derzeit einen Wettbewerbsvorteil dar, der es digitalisierten Unternehmen erlaubt, ihre Ressourcen intelligent zu nutzen und Deals vor dem Wettbewerb abzuschließen. Wie es schon im Stromsektor ersichtlich ist, wird Algo-Trading auch im Gassektor zum erforderlichen Werkzeug, spätestens dann, wenn eine kritische Anzahl von Unternehmen auf den automatisierten Handel setzt.

 

PEGAS: Das Tor zum europäischen Gasmarkt

PEGAS Spothandel Karte 2017

Abb. 2: Über PEGAS ist der Spothandel von Erdgas an den größten europäischen Hubs möglich. Datenquelle: Powernext Monthly Reports

Jede Erdgas-Handelsplattform benötigt eine Schnittstelle zu PEGAS, der wichtigsten europäischen Gashandelsplattform, die zwölf Hubs (Abb. 2) über den Kontinent hinweg miteinander verbindet. Durch die Ökologisierung der Energieindustrie wird der Handel mit Gas immer wichtiger. Erdgas ist der sauberste fossile Brennstoff, er ist flexibel und am besten auf Spitzen und Engpässe anpassbar. Erdgas stellt eine wichtige Ergänzung zu den volatilen erneuerbaren Energiequellen dar. Das PEGAS Handelsvolumen zeigt die Bedeutung (Abb. 3): 2017 wickelte PEGAS im Spothandel 826 TWh ab. Das entspricht einem Plus von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sowie einer durchschnittlichen jährliche Wachstumsrate (CAGR) von 40 % seit 2013.

 

Die erste automatisierte Gashandelslösung

PEGAS Gasvolumen Jahresverlauf 2013-2017

Abb. 3: Das Spothandels-Volumen auf PEGAS. Datenquelle: Powernext Monthly Reports

Laut PEGAS-Betreiber Powernext steht derzeit am Markt für den vollautomatisierten Erdgashandel nur eine Standardlösung zur Verfügung. Der „Periotheus autoTRADER“ des österreichischen Softwareunternehmens VisoTech unterstützt den Spothandel mit Gas auf PEGAS als auch mit Strom an den großen europäischen Börsen, wie EPEX SPOT und Nord Pool. Als Teil der Periotheus Suite des Unternehmens ist die Lösung vollständig in das Fahrplan- und Bilanzkreismanagement integrierbar. Somit kann der gesamte Geschäftsprozess nahtlos und effizient digitalisiert werden.

Der in der Energiewirtschaft bereits etablierte autoTRADER wird von einem führenden Unternehmen des österreichischen Gassektors als wesentlicher Teil seiner Innovations- und Digitalisierungsanstrengungen eingesetzt. Mit der innovativen Lösung können Unternehmen den Handel steuern und visualisieren. Fortgeschrittene Unternehmen können sogar ihre eigenen Handelsalgorithmen entwickeln.

Am wichtigsten aber ist: Der vollautomatisierte Handel gibt Marktteilnehmern im Gasmarkt die Möglichkeit, mit der rasanten Veränderungsgeschwindigkeit Schritt zu halten und wettbewerbsfähig zu bleiben, auch wenn der Markt immer anspruchsvoller und zunehmend digital wird.

 

Fazit

Angesichts des rasanten Anstiegs der Intraday-Handelsvolumina ziehen Erdgasunternehmen den Algo-Trading in Betracht, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Dabei müssen sie sicherstellen, dass ihre automatisierte Handelslösung in der Lage ist, mit den besonderen Komplexitäten des Erdgasmarktes umzugehen und mit dem sich beschleunigenden Tempo des Wandels Schritt zu halten. Der Lohn für die gut ausgeführte Digitalisierung des Handels ist die Fähigkeit, sofort auf Marktereignisse, Tag oder Nacht, ohne die zusätzlichen Kosten einer Nachtschicht zu reagieren. Unternehmen können Arbitrage-Möglichkeiten und Assets wie Lager- und Transportkapazitäten optimal nutzen und so jeden möglichen Cent auspressen und die höchstmöglichen Margen sicherstellen.

 

Jürgen Mayerhofer

Artikel erschienen in: e|m|w Ausgabe 4|2018, Erscheinungsdatum 01. August 2018; © 2018 energate gmbh.

Den Originalartikel können Sie ebenfalls im PDF-Format abrufen.


Über e|m|w

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Das Fachmagazin e|m|w liefert Entscheidern aus der Energiewirtschaft alle zwei Monate relevantes Wissen für ihre Arbeit – mit Fachartikeln, Gastbeiträgen und Interviews. Im Themenschwerpunkt jeder Ausgabe wird ein aktuelles Energiethema beleuchtet.

Die e|m|w erscheint als Printmagazin sowie als PDF-, App- und E-Paper-Version. Leser der e|m|w sind Fach- und Führungskräfte bei EVU/Stadtwerken, Energiehandels-, Dienstleistungs-, Industrie- und IT-Unternehmen.

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