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Autotrader – die Zukunft des Intradayhandels für Strom

Artikel erschienen in den VIK-Mitteilungen 5/16

Während sich der gesamte Energiemarkt in einem grundlegenden Umbruch befindet, betrifft dies in besonderem Maße den Intradaymarkt. Für die Ausgabe 5/2016 der VIK-Mitteilungen des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e.V. gaben wir eine Einschätzung der aktuellen Situation und zukünftigen Entwicklung des Marktes ab:

Autotrader – die Zukunft des Intradayhandels für Strom

Dass der kurzfristige Stromhandel in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, hängt unmittelbar mit der volatilen Erzeugung der erneuerbaren Energien zusammen. Diese erfordert von den Marktakteuren eine flexiblere Vermarktung, ermöglicht aber auch eine immer kurzfristigere Beschaffung. Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen und der gestiegenen Komplexität liegt es nahe, auf die Hilfe von computergestützten Algorithmen zurückzugreifen und Teile des Handels zu automatisieren.

Die enge Bindung an die dynamischen erneuerbaren Energien hat unmittelbare Auswirkungen auf den Intraday-Strommarkt. Untersuchungen der Universität St. Gallen belegen, dass seine Volatilität rund 200-mal so hoch wie die der Finanzmärkte ist. Dies hat zur Folge, dass der Handel immer schneller und anspruchsvoller wird. Die effiziente Einhaltung von Risikolimits wird ohne Hilfsmittel nahezu unmöglich.1 Entscheidungen müssen immer kurzfristiger getroffen werden und die Konkurrenz am Markt wächst konstant. Exemplarisch dafür ist die Entwicklung des Intradayhandels der Verbund AG, die diese auf Ihrem Unternehmensblog beschreibt: Konnten die Dispatcher bis Anfang 2012 noch Kraftwerkseinsatz und Intradayhandel in Personalunion abdecken, wurde es in weiterer Folge notwendig, ein dediziertes Team von Intraday-Tradern aufzubauen.2

Autotrader am Strommarkt noch unterrepräsentiert

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Veränderungen und der gestiegenen Komplexität liegt es eigentlich nahe beim Stromhandel, auf die Hilfe von computergestützten Algorithmen zurückzugreifen und Teile des Handels zu automatisieren. Umso verwunderlicher ist es, dass die Energiebranche hier weit hinter vergleichbaren Märkten hinterherhinkt. So betrug der Anteil des automatisierten Handels für Erdgas und Strom Ende 2015 laut der Intalus GmbH, einem Anbieter für Finanzsoftware, noch weniger als 10 Prozent. Dem gegenüber stehen in Bereichen wie dem Anleihen- oder Aktienhandel Anteile von 40 bis 50 Prozent.3

Zwar greifen laut Branchenexperten bereits zahlreiche Marktakteure wie Statkraft AS, EnBW AG oder Axpo AG auf teilautomatisierte Hilfsmittel zurück, überlassen ihnen aber nicht den direkten Handel. Oft handelt es sich dabei um Lösungen, die die Marktdaten in übersichtlicherer Form visualisieren, als dies der offizielle Handelsschirm der EPEX Spot tut. Ergänzend machen einige von ihnen Vorschläge für durchzuführende Geschäfte. Dem gegenüber steht nun eine neue Generation von Autotradern, die gemäß zuvor vom Benutzer definierter Vorgaben selbstständig an der Börse handeln können.

Neben vereinzelten selbstentwickelten Lösungen bieten im Moment nur zwei bis drei Softwareanbieter einsatzbereite vollautomatisierte Autotrader an. Der Grund dafür ist vor allem in der großen Komplexität derartiger Lösungen und dem daraus resultierenden Entwicklungsaufwand zu suchen. Andere Softwareanbieter, die den Trend bislang verpasst haben, beginnen inzwischen vorsichtig den Markt zu sondieren und kündigen vereinzelt eigene Lösungen an. Wie lange es dauern wird, bis diese marktreif sind, ist jedoch noch ungewiss.

Vorbehalte gegen die Überlegenheit der Algorithmen

Mitverantwortlich für die Zurückhaltung der Marktteilnehmer gegenüber automatisierten Handelslösungen ist ein Phänomen, das in der Forschung als „algorithm aversion“ bezeichnet wird. Demnach geben Menschen tendenziell menschlichen Vorhersagen den Vorzug gegenüber Empfehlungen, die auf Algorithmen zurückzuführen sind. Dies ist überraschend, da inzwischen zweifelsfrei belegt werden konnte, dass die Vorhersagen von evidenzbasierten Algorithmen denjenigen ihrer menschlichen Gegenstücke in den allermeisten Anwendungsfällen mindestens ebenbürtig, oft auch überlegen sind.4

Dass diese Abneigung gegenüber Algorithmen schwerwiegende finanzielle Folgen für Unternehmen haben kann, zeigten zuletzt auch eindrucksvoll die Ergebnisse einer Studie der Universität von Pennsylvania.5

Die jetzige Entwicklung am Intradaymarkt für Strom zeigt uns, dass diesen verbreiteten Vorurteilen zum Trotz eine zunehmende Zahl von Akteuren sich gegenüber automatisierten Handelslösungen öffnet. Das allgemeine Interesse ist sehr groß und viele Unternehmen beginnen bereits zu evaluieren, wie sehr ihre Geschäftsfälle von der Verwendung automatisierter Handelslösungen profitieren könnten.

Entstehung einer Zweiklassengesellschaft am Intradaymarkt

Mit Blick auf die Verbreitung von Autotradern auf den Finanzmärkten ist davon auszugehen, dass Softwarelösungen für den automatisierten Intradayhandel an der EPEX Spot in einigen Jahren zum Standardrepertoire der meisten Marktteilnehmer gehören werden. Die Erfahrung aus anderen Märkten hat auch gezeigt, dass sich eine Zweiklassengesellschaft herausbilden könnte. Auf der einen Seite stünden dabei diejenigen Marktteilnehmer, die automatisierte Handelslösungen im Einsatz haben und mit deren Hilfe die besten Preise am Markt erzielen. Auf der anderen Seite befänden sich die Unternehmen ohne derartige technische Unterstützung. Deren Handelsergebnisse würden sich, nicht zuletzt auf Grund des massiven Geschwindigkeitsnachteils, künftig kontinuierlich verschlechtern.

Bereits jetzt wird deutlich, dass automatisierte Handelslösungen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bedeuten können. Maßgeblich verantwortlich dafür sind die geringen Latenzen, mit denen Autotrader große Zahlen an Positionen zeitgleich handeln, während sie dabei noch eine Vielzahl von Grenzen und Vorgaben berücksichtigen. Mitunter bieten Autotrader so schnell auf Mengen, dass diese bereits gehandelt sind, bevor sie überhaupt auf dem Schirm des ComTraders angezeigt werden. Da die Volatilität des Marktes in der Zukunft dank des steigenden Anteils erneuerbarer Energien zunimmt, werden Händler ohne technische Unterstützung deutlich größeren Belastungen ausgesetzt sein. Auch wird es für menschliche Trader immer schwerer werden, aus der Masse der am Intradaymarkt gehandelten Positionen die attraktivsten Angebote herauszufiltern.

Autotrader eröffnen Marktteilnehmern neue Optionen

Autotrader eröffnen vielen Marktteilnehmern zusätzliche Optionen. Während viele große Händler mit Hilfe eines dedizierten Teams von Intradayhändlern einen 24-Stunden-Handel betreiben, war dies für kleinere Unternehmen bislang nicht denkbar. Mit Hilfe eines Autotraders ist es diesen Unternehmen nun möglich, auch außerhalb der Geschäftszeiten zu handeln.

Auch im untertägigen Handel liegt viel ungenutztes Potential, das durch Autotrader ausgeschöpft werden kann und so die Arbeit der Trader nachhaltig erleichtert. So können Trader die Entwicklung des Marktes beobachten, frühzeitig Trends erkennen und die vom Autotrader verwendeten Strategien ändern oder weiter verfeinern. Naturgemäß handelt es sich bei diesen Strategien um einen der wichtigsten Aspekte für einen nachhaltigen Erfolg beim Einsatz von automatisierten Handelslösungen. Anhand zahlreicher Parameter lassen sich eigene Strategien anlegen und anschließend mit Hilfe einer Reihe von Stellschrauben möglichst weit optimieren. Die meisten Unternehmen verwalten eine unterschiedliche Zahl und Kombination von Assets. Aus diesen resultieren wiederum individuelle Rahmenbedingungen wie beispielsweise Kraftwerksbeschränkungen (zum Beispiel Rampen oder Speicherinhalt). In Kombination mit der sukzessiven Optimierung der Strategien führt dies dazu, dass die meisten Unternehmen höchst individuelle Strategien verwenden.

Einen wichtigen Benchmark für die Qualität von Handelsgeschäften stellt der mengengewichtete Durchschnittspreis (VWAP) dar. Erklärtes Ziel von Tradern ist es, sich diesem mit den eigenen getätigten Geschäften möglichst nah anzunähern beziehungsweise ihn vereinzelt sogar zu schlagen. Mit der Hilfe von Autotradern rückt dieses Ziel deutlich näher. Tests haben gezeigt, dass der VWAP bei der Verwendung von VisoTechs autoTRADER beispielsweise je nach Marktlage und verwendeter Strategie um bis zu sechs Prozent geschlagen werden kann.

Vollintegrierte Autotrader als nächste Evolutionsstufe

Den nächsten logischen Schritt bei der Verwendung automatisierter Handelslösungen stellt deren volle Integration dar. Durch die direkte Einbindung in die ETRM- und Fahrplanmanagement-Funktionsbereiche lassen sich auch dem Handel vor- und nachgelagerte Arbeitsschritte vereinfachen oder direkt automatisieren.

Ein mögliches Szenario wäre beispielsweise, dass der Autotrader auf Basis der im System verwalteten Kraftwerkseinsatzplanung direkt entsprechend am Markt handelt. So können offene Positionen günstig gedeckt beziehungsweise das Kraftwerk gemäß der Marktlage gesteuert werden. Die erzielten Trades werden wiederum im selben System verwaltet und ausgewertet. Auf Basis der getätigten Handelsgeschäfte werden anschließend die entsprechenden Fahrpläne generiert und versendet. Ebenso ist es jederzeit möglich, die aktuellen Marktpreisdaten exportieren zu lassen und für künftige Prognosen oder andere Zwecke weiterzuverwenden.

Gute Aussichten für kontinuierlichen Kurzfristhandel und Autotrader

Die Prognose für die Entwicklung des kontinuierlichen Intradayhandels ist sehr gut. Dank der fortschreitenden Verbreitung erneuerbarer Energien, wird die Rolle des Kurzfristhandels nachhaltig gestärkt. Durch die steigende Volatilität des Marktes, wird es in Zukunft immer notwendiger, kurzfristig Mengen zu handeln.

Es ist unbestritten, dass Flexibilität eines der wichtigsten Themen der Energiepolitik der kommenden Jahre bleiben wird. Sie stellt den Dreh- und Angelpunkt der gesetzgeberischen beziehungsweise regulatorischen Bemühungen für das Gelingen der Energiewende dar. Daher ist damit zu rechnen, dass vom Gesetzgeber zusätzliche Anreize geschafft werden, die den Handel am Intradaymarkt weiter stärken.
Gleichzeitig werden sich andere Initiativen wie die Förderung der Bilanzkreistreue positiv auswirken. Die deutliche Intensivierung des Handels wird wiederum die Verbreitung der Autotrader beschleunigen, da im Markt ein großes, von den meisten ungenutztes Potential für automatische Handelslösungen schlummert. Daher spricht sehr vieles dafür, dass wir gerade noch am Anfang einer Entwicklung stehen, in deren Verlauf Autotrader den Intradayhandel an der EPEX Spot nachhaltig verändern und mitgestalten, vielleicht sogar dominieren werden.

Thomas Lieder

1 – Zha, Weixin, Looking for Volatility? Try Germany’s Shift to Renewable Energy (2014)
2 – flow, der VERBUND Blog, Viel Bewegung zwischen Markt und Wetter, vom 30.12.2012
3 – Zha, Weixin, Looking for Volatility?
4 – Grove et al., Clinical Versus Mechanical Prediction: A Meta-Analysis, in: Psychological Assessment 12 (April 2000), S.19-30.
5 – Dietvorst et al., Algorithm Aversion: People Erroneously Avoid Algorithms After Seeing Them Err, in: Journal of Experimental Psychology General 144 (November 2014).

Artikel aus: VIK-Mitteilungen 5/2016, VIK; © 2016 by Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e.V.

Den Originalartikel können Sie ebenfalls im PDF-Format abrufen.

Webseite: www.vik.de

Heftabbildung VIK-Mitteilungen 5/16

© 2016 by Verband der Industriellen
Energie- und Kraftwirtschaft e.V.

Marktinformationsschirm von Periotheus

Abb. 2: Marktet information screen of the Periotheus autoTRADER alle Marktkennzahlen im Überblick. Quelle: Eigene Darstellung, Periotheus

Konstantes Wachstum des Handelsvolumens am Intradaymarkt der EPEX Spot.

Abb. 3: Konstantes Wachstum des Handelsvolumens am Intradaymarkt der EPEX Spot.
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an EPEXDIB

Entwicklung der jährlichen Base Peak Spreads an der EPEX Spot. Gut zu sehen sind die Auswirkungen der erneuerbaren Energien auf den Stromhandel.

Abb. 4: Entwicklung der jährlichen Base Peak Spreads an der EPEX Spot. Gut zu sehen sind die Auswirkungen der erneuerbaren Energien auf den Stromhandel.
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an EPEXDIB

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